Warum Waldschutz so wichtig ist!

Interview mit Jakob Reuter, Bergwaldprojekt e.V.

Wälder und Waldboden sind ein wichtiger Schlüssel, um dem Klimawandel entgegenzuwirken. Sie produzieren Sauerstoff, nehmen CO2 auf und speichern und filtern wertvolles Trinkwasser. Viele Unternehmen unterstützen Klimaschutzprojekte bei denen tropische Wälder geschützt werden. Warum Schutz und Erhalt der Wälder in Deutschland mindestens genauso wichtig für uns ist, erfahren wir im Gespräch mit Jakob Reuter, Bergwaldprojekt e.V.

 

 

Der Wald stirbt. Der Borkenkäfer vermehrt sich immer stärker. Es gibt häufiger Waldbrände. Wie ist der Zustand unserer Wälder in ganz Deutschland?

© Bergwaldprojekt e.V.

Jakob Reuter: Durch die trockenen Sommer der Jahre 2018 bis 2022 sind in Deutschland über 500.00 Hektar Wald (rund 5 % der Waldfläche) verloren gegangen. Vom sogenannten Waldsterben 2.0 als Folge der menschengemachten Klimakrise sind insbesondere labile Fichten- und Kiefernmonokulturen betroffen. Der Schwerpunkt der Schäden zieht sich von der Eifel, über das Sauerland, den Harz und den Thüringer Wald bis in die Sächsische Schweiz. Der Borkenkäfer vermehrt sich vor allem dort, wo labile Waldbestände durch die anhaltende Trockenheit bereits vorgeschädigt sind. Er ist also nicht die primäre Ursache der Schäden.

 

 

Was ist die Ursache und mit welchen Folgen müssen wir bereits jetzt oder längerfristig leben?

Jakob Reuter: Die Ursachen des Waldsterbens sind die menschengemachten Einträge in die Atmosphäre und die Standardisierung der Wälder. Die menschengemachte Klimakrise verändert die Rahmenbedingungen für unsere Ökosysteme in einer Geschwindigkeit, welche die natürlichen Anpassungszeiträume der Biosphäre bei Weitem übersteigt. Gleichzeitig sind über die letzten Jahrhunderte durch die Kultivierung und Standardisierung die wichtigen Resilienzfaktoren der Wälder abgesenkt worden, das bedeutet konkret:

  1. Die Biomasse ist auf ein kritisches Level abgesenkt und entspricht nur rund 30 % der Biomasse natürlicher Waldsysteme.
  2. Die Vielfalt in den Wäldern bzw. der Informationsgehalt der Wälder ist großflächig reduziert, auf knapp 40 % der Waldfläche wachsen Monokulturen, vor allem aus standortfremder Fichte und Kiefer.
  3. Die zunehmende Zerschneidung von Wäldern durch Straßen, Forstwege und Rückewege führt zu einer Fragmentierung des wichtigen Netzwerks aus Bodenorganismus, wie Wurzelpilzen, welche einen wichtigen Beitrag zum stofflichen Informationsaustausch innerhalb der Wälder leisten.

© Bergwaldprojekt e.V.

Mit den Wäldern verlieren wir großflächig einen Teil unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Die Folge ist der Verlust wichtiger Ökosystemleistungen, die für unser tägliches Leben relevant sind, wie Trinkwasserschutz, Hochwasserschutz, Erosionsschutz, Lawinenschutz, Klimaschutz, Artenschutz und Erholung.

 

 

Mit unserer Kooperation im Bereich Biodiversität werden der Erhalt und die Wiederherstellung der heimischen Ökosysteme gefördert. Wie funktioniert das genau? Was wird bei einem Einsatz des Bergwaldprojekts gemacht?

Jakob Reuter: Neben der Klimakrise ist der Biodiversitätsverlust die große Krise unserer Zeit. Die Geschwindigkeit, mit der wir heute Biodiversität, also die Vielfalt innerhalb der Arten, zwischen den Arten und der Ökosysteme, verlieren, ist mindestens 10-bis 100-fach höher als innerhalb der letzten 10 Mio. Jahre. 1.000.000 Pflanzen- und Tierarten sind vom Aussterben bedroht. Artensterben bedeutet Informationsverlust. Besonders kritisch ist dabei das Aussterben von Schlüsselarten, welche für die Stabilität ganzer Ökosysteme sorgen. Eine Vielzahl dieser Arten und deren Wirkungen auf das Ökosystem ist jedoch bis heute nicht bekannt, weshalb der Erhalt der biologischen Vielfalt für die Stabilisierung unserer Lebensgrundlagen besonders wichtig ist. Geeignete Lebensräume sind die Grundlagen für das Überleben einer Art. Im Rahmen unserer Projekte können Freiwillige bei der Erhaltungs- und Wiederherstellungsarbeiten von Lebensräumen mitwirken. Die konkreten erforderlichen Maßnahmen sind von den örtlichen Gegebenheiten abhängig und reichen vom Entfernen invasiver lebensraumbedrohender Arten wie der Lupine in der Rhön bis zur aktiven Gestaltung von strukturreichen Lebensräumen für Arten wie das Auerwild im Schwarzwald und Alpenraum.

 

 

© Bergwaldprojekt e.V.

Mit unserem Kooperations-Produkt RegioPLUS können unsere Kundinnen und Kunden auch einen regionalen, nachhaltigen Beitrag für den Klimaschutz leisten. Denn mit jeder gekauften Megawatttonne Ökostrom bzw. mit jeder international kompensierten Tonne CO2 geht ein zusätzlicher Betrag in ein Projekt zum Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen in Deutschland. Welchen Vorteil haben unsere Kunden von einem solchen Upgrade und was versprechen Sie sich von der Unternehmenskooperation?

Jakob Reuter: Der regional eingesetzte Beitrag lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass die Folgen der Klimakrise auch in den heimischen Ökosystemen angekommen und deutlich sichtbar sind. Mit dem regionalen Beitrag können die Unternehmen Verantwortung für unsere natürlichen Lebensgrundlagen übernehmen, denn wir alle nehmen die Ökosystemleistungen täglich in Anspruch. Am Beispiel der Waldökosysteme wird die gesellschaftliche Relevanz besonders deutlich, denn ihre Wiederherstellung und Stabilisierung ist notwendig, damit wichtige Schutzfunktionen für Wasser, Boden,  Artenvielfalt und Klima langfristig erhalten bleiben.

 

 

 

Was ist die größte Herausforderung in den nächsten 3-5 Jahren? Welche Schwierigkeiten gibt es aktuell im Waldschutz? Und wie gehen Sie diese an?

© Bergwaldprojekt e.V.

Jakob Reuter: Die größte Herausforderung in den nächsten 3-5 Jahren ist auf gesellschaftlicher Ebene alles dafür zu tun unser Handeln und unsere Wirtschaftsweise an die Tragfähigkeit des Planeten anzupassen. Die Voraussetzung dafür ist die Berücksichtigung der planetaren Grenzen. Nur so können die Belastungen für Ökosysteme nachhaltig reduziert werden. Gleichzeitig stehen wir vor der großen Herausforderung verlorene Ökosysteme großflächig wieder herstellen zu müssen. Alleine für Deutschland wird in den nächsten 20 Jahren ein Verlust von bis zu 40 % der Waldfläche prognostiziert. Besonders problematisch ist in der Folge der Verlust der organischen Bodensubstanz (Humus), welche die Wasser- und Kohlenstoffspeicherkapazität eines Waldes bestimmt. Die naturnahe Wiederbewaldung mit standortheimischen Baumarten ist ein wichtiges Mittel, wenn entsprechende Samenbäume fehlen. Diese ist mit einem hohen personellen und finanziellen Ressourceneinsatz verbunden. Nach der Pflanzung bedarf es jahrelanger intensiver Pflege, um das Anwachsen der Bäume zu sichern, denn hohe Stickstoffeinträge aus Verkehr, Industrie und Landwirtschaft führen auf Freiflächen zu einer explosionsartigen Vermehrung von konkurrierender Vegetation wie Himbeere und Brombeere. Außerdem muss der Schutz gegen Schalenwildverbiss sichergestellt werden.

Warum ist Waldschutz auch Wasserschutz?

© Bischoff & Ditze Energy GmbH & Co. KG

Jakob Reuter: Wälder stellen den größten Süßwasserspeicher in Deutschland dar, rund 70 % des Trinkwassers werden durch Wälder generiert und zur Verfügung gestellt. Waldböden funktionieren ähnlich wie ein Schwamm und können dadurch Hochwasserspitzen abfedern und selbst bei längerer Trockenheit noch Wasser in die Landschaft abgeben. Die Wasserspeicherfähigkeit korrespondiert stark mit der Durchwurzelung der Böden sowie der Qualität und Menge der Humusauflage. Ein gut strukturierter und humusreicher Waldboden kann mehr als 200 Liter Wasser pro Quadratmeter speichern. Durch Erosion und Auswaschung geht Humus vor allem dort verloren, wo Wälder absterben und Freiflächen entstehen. Eine entscheidende Rolle für die Qualität des Bodens spielt die Baumartenzusammensetzung. So hat der Waldboden unter labilen Kiefern- und Fichtenmonokulturen, aufgrund der niedrigeren Humusqualität (wenig Nährstoffe) nur etwa ein Drittel der Wasserspeicher und Rückhaltequalität eines stabilen Laubmischwaldes.

 

 

Was sollte der Otto-Normal-Verbraucher unbedingt über den Wald- und Wasserschutz wissen? Was kann jeder von uns tun und sollte verändern?

Jakob Reuter: Stabilisierungsmaßnahmen sind nur wirkungsvoll, wenn gleichzeitig die Belastungen für die Biosphäre auf ein verträgliches Maß reduziert wird. Für die Wälder im Speziellen bedeutet dies, die Notwendigkeit zur Erreichung des 2°C-Ziels und die Anpassung der stofflichen und energetischen Nutzung von Material an die Tragfähigkeit des Ökosystems, ansonsten wird die Resilienz der Ökosysteme weiter abgesenkt und es besteht die Gefahr, die Wälder als wichtige Kohlenstoffquelle zu verlieren.

Einen effektiven Betrag können wir alle auf individueller Ebene leisten. Wirksame Handlungsfelder sind die Anpassung unserer Mobilität (konkret: Reduktion von Individualverkehr und Flugreisen, Unterlassung von Flügen bei Entfernungen bis 1.000 km), unseres Energiebezugs (konkret: Bezug des Strombedarfs aus 100% Ökostrom) und -verbrauchs sowie unserer Ernährung (konkret: Reduktion des Fleischkonsums und Verzicht auf Fleisch aus konventioneller, industrieller Produktion). Für den Schutz der Wälder im Besonderen, ist der sorgsame Umgang mit Papier, Verpackungen und Holz sehr wirksam, im Sinne der 5 R’s der Nachhaltigkeit: reuse (wiederverwenden), refuse (vermeiden), reduce (reduzieren), rethink (umdenken), recycle (wiederverwerten).

 

 

Die Energiekrise und der Ressourcenkrieg beschäftigen uns alle und führen u. a. auch zu einer höheren Nachfrage nach Brennholz und Pellets. Das Heizen mit Holz ist leider jedodch nicht klimaneutral und auch nicht immer nachhaltig. Wie könnte dies den bereits ohnehin schlechten Zustand unserer Wälder verschlechtern? Gibt es hierzu eine Prognose?

© Bergwaldprojekt e.V.

Jakob Reuter: Die jüngst erschienene Studie des WWF und der Universtität Kassel „Alles aus Holz” belegt, die Nachfrage nach Holz und Holzprodukten übersteigt bei weitem das, was die Wälder leisten können und einer nachhaltigen Bewirtschaftung entspricht. Der weltweite Holzverbrauch rund 5 Milliarden Kubikmeter pro Jahr ist bereits höher als das was wirklich nachhaltig nachwächst – nämlich 3 Milliarden Kubikmeter pro Jahr. Bausektor, Papier, Pappe, Zellstoff, Biokunststoffe, Energiesektor – der „Hunger” nach Holz ist groß, insbesondere in den „reichen” Ländern. In Deutschland ist der Holzverbrauch doppelt so hoch wie im globalen Durchschnitt und liegt bereits heute über dem, was die heimischen Wälder nachhaltig liefern können. Deshalb wird viel Holz importiert. Beim derzeitigen Energieverbrauch ist der Ersatz fossiler Brennstoffe durch Biomasse (aus den Wäldern) keine nachhaltige Option. Die energetische Nutzung von Holz sollte erst am Ende einer Nutzungskaskade stehen, auch weil die Verbrennung von Holz kurzfristig mehr CO2 ausstößt als die Verbrennung von Kohle. Dem stofflichen Einsatz des Rohstoffs für dauerhafte Produkte wie im Bauwesen ist Vorzug zu gewähren, doch auch dort sind natürliche Grenze gesetzt, soll der Verbrauch nicht zu Lasten der biologischen Vielfalt und der wichtigen Ökosystemfunktionen gehen. Es führte kein Weg an einem verringerten Verbrauch vorbei um die globale Lücke zwischen Nachfrage und nachhaltigem Holzangebot zu schließen.

 

 

Was liegt Ihnen hinsichtlich des Waldes besonders am Herzen? Was soll die Menschen erreichen?

Jakob Reuter: Wir alle leben im Wald – tagtäglich nehmen wir die Leistungen des Ökosystems in Anspruch: Wenn wir den Wasserhahn aufdrehen oder bei einem erholsamen Spaziergang. Die wohltuende Wirkung des Waldbadens ist längst wissenschaftlich belegt. Deshalb empfehlen wir zur Steigerung des Wohlbefindens, zum Abschalten, zur Stressreduktionen öfters in den Wald zu gehen und tief Durchzuatmen. Am besten funktioniert das Waldbad übrigens, wenn das Smartphone ausgeschaltet ist.